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Impfen in der Apotheke und die Ärzte vor Ort

Viele Apotheken impfen nicht, um es sich mit den Ärzt:innen vor Ort nicht zu verscherzen. Was dahintersteckt und wie Sie das Gespräch öffnen.

Stand: 03.10.2026

Diese Seite fasst zusammen, was öffentlich dokumentiert ist. Sie ist keine Rechtsberatung. Verbindlich sind Ihre Apothekerkammer und die zuständige Aufsichtsbehörde.

Ein häufiger Grund gegen das Impfen in der Apotheke

„Wir möchten es uns mit den umliegenden Ärzten nicht verderben.“ Kaum ein Satz fällt in Gesprächen über das Impfen in der Apotheke so oft wie dieser. Er kommt fast nie als grundsätzliche Ablehnung. Meistens klingt er eher nach Rücksichtnahme: Die Praxis im selben Haus oder ein paar Straßen weiter schickt seit Jahren Patienten herüber, man kennt sich, man grüßt sich und niemand möchte diese Beziehung für ein „paar“ Impfungen riskieren.

Dieser Vorbehalt verdient eine ernsthafte Antwort statt eines Appells. Denn er beschreibt eine reale Abhängigkeit und er ist zugleich der Punkt, an dem aus einer Vermutung über die Nachbarpraxis eine dauerhafte Entscheidung gegen ein Angebot wird, das Patientinnen und Patienten nachfragen.

Warum die Sorge berechtigt ist

Die Zurückhaltung ist kein Mangel an Mut. Sie hat drei handfeste Gründe.

Erstens die wirtschaftliche Verflechtung. Ein erheblicher Teil des Umsatzes hängt an Verordnungen, die aus wenigen Praxen im Umkreis kommen. Wer glaubt, diesen Zufluss zu gefährden, rechnet anders als jemand, der nur über eine zusätzliche Dienstleistung nachdenkt.

Zweitens die Nachbarschaft. In kleineren Orten ist das Verhältnis zur Praxis persönlich. Ein Konflikt lässt sich dort nicht auf die Sachebene begrenzen, er wird auf der Straße weitergetragen.

Drittens die laufende Zusammenarbeit. Rückfragen zu Rezepten, Lieferengpässen, Dosierungen oder Heimversorgung funktionieren nur, wenn der kurze Draht hält. Diese Zusammenarbeit ist mehr wert als ein einzelner Impftermin und das weiß jede Inhaberin.

Was dahintersteckt: die Kampagne „Impfen beim Profi“

Der Konflikt wird längst nicht mehr nur vor Ort verhandelt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung startet im Oktober 2026 eine Kampagne unter dem Motto „Impfen beim Profi“, die ausdrücklich vor neuen Leistungen in Apotheken warnt. Das berichtete die Pharmazeutische Zeitung am 18.09.2026.

Der KBV-Vorstand mit Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner hatte seine Position zuvor zum Welttag der Patientensicherheit bekräftigt. Diagnostik in Form von Tests habe demnach in Apotheken und Drogerien nichts zu suchen, schnelle Angebote zum Mitnehmen stammten nicht vom Fachmann und verunsicherten eher. Bei Impfungen seien niedergelassene Ärztinnen und Ärzte die erste Anlaufstelle, es gehe um mehr als den Einstich in den Oberarm. Die Kampagne soll Versicherte dazu aufrufen, sich in der Praxis gegen Influenza und andere Infektionskrankheiten impfen zu lassen und dort den Impfstatus prüfen zu lassen.

Deutlicher wurde Dirk Spelmeyer, Vorstandsvorsitzender der KV Westfalen-Lippe. Er sprach davon, dass die Auslagerung ärztlicher Versorgung Menschenleben riskiere, und nannte die Ausweitung des Apothekenangebots ein leichtfertiges Spiel mit der Patientensicherheit. Den wirtschaftlichen Druck auf die Apotheke vor Ort erkennt er an, zieht daraus aber den gegenteiligen Schluss.

Für die einzelne Apotheke ist das eine wichtige Einordnung. Was in der Nachbarpraxis als persönliche Ablehnung ankommt, ist oft die Weitergabe einer berufspolitischen Linie, die auf Bundesebene gesetzt wurde.

Der Streit hat die Bundespolitik erreicht

Die Gesetzeslage ist bereits entschieden. Mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz wurden zum 2. Juli 2026 sämtliche Totimpfstoffe für die Impfung in Apotheken freigegeben und die Verabreichung der Impfung darf an ärztlich geschulte PTAs, Pharmazieingenieure und Pharmazeutinnen und Pharmazeuten im Praktikum unter Aufsicht einer Apothekerin/eines Apothekers delegiert werden.

Auf dem Deutschen Apothekertag am 15.09.2026 ging Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann auf den Konflikt direkt ein. Er berichtete, dass Ärzt:innen ihn in den Tagen zuvor kontaktiert hätten und dass einige Ärztevertreter:innen von einer Kompetenzausweitung sprächen. Seine Einordnung dazu: Bei rund 1,5 Milliarden Arztkontakten im Jahr, die gesenkt werden sollen, sei der niedrigschwellige Zugang über die Apotheken der richtige Weg für Prävention und Impfen. Er betonte, dass dieser Weg gemeinsam mit den Ärzten und den Apothekern gegangen werden solle.

Was sich zwischen Verbandsebene und Vor-Ort-Realität unterscheidet

Die schärfsten Formulierungen stammen von Bundes- und Landesebene. Im Alltag zwischen einer Apotheke und der Praxis nebenan sieht das Verhältnis oft anders aus, weil beide Seiten dieselben Patientinnen und Patienten betreuen und voneinander wissen, wo die Lücken liegen.

Die Bereitschaft in der Branche ist dabei hoch. Der Apothekenklima-Index 2026, für den jährlich 500 Apothekenleitungen befragt werden, deutet laut ABDA darauf hin, dass sich die Zahl der impfenden Apotheken durch die Neuregelung voraussichtlich verdoppeln wird. Wer wartet, bis das Thema geklärt ist, wartet also vermutlich darauf, dass andere es klären.

Vier Schritte, die die Bedenken auflösen

1. Prüfen Sie, ob Sie es wissen oder nur vermuten

Die erste Frage lautet nicht, wie Sie den Arzt überzeugen, sondern ob er überhaupt widersprochen hat. In vielen Fällen hat nie ein Gespräch stattgefunden und die Apotheke entscheidet gegen ein Angebot auf Grundlage einer Annahme. Eine geäußerte Ablehnung ist ein Verhandlungsgegenstand. Eine vermutete Ablehnung ist zunächst nur eine offene Frage.

2. Benennen Sie die Bedenken konkret

„Die Ärzte sind dagegen“ ist zu unscharf, um daran zu arbeiten. Geht es um Umsatz, um die Sorge vor Doppelstrukturen, um Haftung, um die Dokumentation im Impfpass, um fehlende Rückmeldung an die Praxis? Jeder dieser Punkte hat eine eigene Antwort. Schreiben Sie die Bedenken auf, Ihre eigenen und die, die Sie bei der Praxis vermuten, und prüfen Sie dann, welche davon sich klären lassen.

3. Argumentieren Sie mit Impflücken statt mit Marktanteilen

Die Apothekenimpfung erreicht die Menschen, die den Weg in die Praxis aus Zeit-, Termin- oder Schwellengründen nicht gehen. Wie groß diese Lücke ist, zeigt beispielsweise die Grippeimpfung. Bei Menschen ab 60 Jahren strebt die WHO eine Quote von 75% an. In der Saison 2024/25 waren deutschlandweit 34,5% aller Personen ab 60 Jahren gegen Grippe geimpft. Auch bei anderen Erregern sind die Impfquoten niedrig. Genau das ist auch die Logik hinter der politischen Entscheidung: zusätzlicher niedrigschwelliger Zugang, nicht Ersatz. Wer dieses Argument im Gespräch an die erste Stelle stellt, verlässt die Konkurrenzebene, auf der der Konflikt sonst geführt wird. Es geht schließlich um die gemeinsame Zusammenarbeit an der Gesundheit von Patientinnen und Patienten.

4. Suchen Sie das Gespräch, notfalls mit Moderation

Der wirksamste Schritt ist der direkte Austausch mit der Praxis, bevor beide Seiten ihre Position über Verbandsmitteilungen beziehen. Wenn das Verhältnis angespannt ist oder die Vorgeschichte belastet, hilft eine neutrale Person, die beide Seiten kennt und das Gespräch moderiert, zum Beispiel aus dem Qualitätszirkel, dem Ärztenetz oder einem gemeinsamen Pflegeverbund.

Möglich ist auch ein kleiner Einstieg statt der großen Lösung: ein einzelnes Impfangebot, das die Praxis erkennbar entlastet und nicht in ihre Kernzeiten fällt. Darüber lässt sich leichter sprechen als über ein vollständiges Impfportfolio.

Was der Vorbehalt bei genauerem Hinsehen bedeutet

Hinter dem Satz über die umliegenden Ärzte steckt selten ein ausgetragener Konflikt. Meist steckt dahinter ein Gespräch, das nie geführt wurde. Solange die Ablehnung nur vermutet wird, entscheidet eine Annahme über das Leistungsangebot der Apotheke, und zwar dauerhaft.

Die Auseinandersetzung zwischen Standesvertretungen wird weitergehen. Sie ersetzt aber nicht das, was zwischen zwei Häusern in derselben Straße besprochen werden kann. Der Einwand ist damit weniger eine Grenze als eine offene Frage.

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Quellen

Diese Seite gibt allgemeine Informationen wieder und nennt ihre Quellen. Sie ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Was in Ihrem Fall richtig ist, klären Sie in Ihrer Apotheke oder Ihrer Arztpraxis.